Meine geniale Freundin

Manchmal lasse ich mich von einem Hype mitreißen und erwerbe spontan ein Buch, ohne vorher reingelesen zu haben. So war’s auch bei Meine geniale Freundin (MgF) von Elena Ferrante: Ich hatte überall davon gelesen und alle schrieben von einem großartigen Buch, das man nun unbedingt lesen solle. Im Kopf war mir geblieben, dass das Buch offenbar «Literatur für Leute sei, die sonst nicht lesen». Ich lese immer irgendein Buch, meistens zwei, drei parallel, aber ich würde mich nicht als Vielleser bezeichnen. Ich lese nämlich nur morgens in der Bahn (15 Minuten) und abends vor dem Einschlafen (5 bis 30 Minuten) und manchmal samstags/sonntags auf dem Sofa (1 Stunde). Vielleser hingegen lesen immer – anders kann ich mir deren Pensum nicht erklären.

Jedenfalls erwarb ich MgF, ohne hineingelesen zu haben, denn alle Exemplare in der Buchhandlung waren verschweißt, you see? (Sicherlich ist es mir als potenzieller Käufer rechtlich gestattet, das Buch zu entkleiden, um eine Prüfung des Inhalts vorzunehmen. Aber das geht doch nicht.) Ich trug das Buch zur Kasse und nach Hause; zum Glück war Samstag und ich konnte sogleich mit der Lektüre beginnen. So schaffte ich 100 Seiten am Stück und tauchte ein ins Neapel der 50er, in eine Welt voller Gewalt, aggressiven Männern und Jungen. Ich lernte Elena und ihre beste Freundin Lila kennen, zwei Mädchen, die Angst vor Don Achille haben. Und dann müssen sie bei diesem finsteren Kerl auch noch klopfen, weil er ihre Puppen gestohlen hat! Im weiteren Verlauf der Geschichte lernt Elena fleißig und kämpft sich von Schuljahr zu Schuljahr, während Lila alles leicht zu fallen scheint. (Eine bessere Zusammenfassung des Inhalts liefert Suhrkamp.)

Nach diesem Samstag auf dem Sofa zog sich die Lektüre allerdings ein wenig in die Länge. Das Buch schien mir plötzlich endlos, ich schaffte immer nur ein paar eng bedruckte Seiten. Ich nahm es mit an die Ostsee, las und las und las. Dann zerriss ich versehentlich das Buchcover, ärgerte mich – und machte nur deshalb bei einem Gewinnspiel mit, weil ich dachte: Dann gewinne ich das Buch halt und bekomme einen neuen Schutzumschlag. (Und tatsächlich: Ein paar Wochen später habe ich MgF gewonnen! Ich gewinne nie irgendwas.)

Erst neulich habe ich MgF beendet. Es war – trotz Längen hier und da – ein ziemlich gutes Buch. Ich mag Ferrantes Schreibstil bzw. die Übersetzung von Karin Krieger. Ich kann verstehen, warum die Menschen das Buch lieben und warum die Reihe so erfolgreich ist. Äußerst praktisch fand ich das beigelegte Lesezeichen, das alle Namen und knappe Beschreibungen der handelnden Personen enthält. Ich bin beim Lesen immer mal wieder durcheinander gekommen, habe Nachnamen verwechselt und Familienmitglieder falsch zugeordnet. Ich hab’s aber auch nicht so mit Namen, echt nicht. Lerne ich neue Menschen kennen, dauert es manchmal Jahre, bis sich deren Namen so sehr gefestigt haben, dass ich mich bei Tisch traue, zu sagen: «Justus, reichst du mir bitte mal das Salz?»

Ich bin gespannt, wie diese «neapolitanische Saga» weitergeht. Band 2 steht schon in meinem Regal. Und in deinem?

Elena Ferrante:
Meine geniale Freundin,
übersetzt von Karin Krieger

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