Meine Tokyo-Lektüre

Im Herbst war ich in Tokyo und Kyoto – natürlich musste ich Murakami als Urlaubslektüre auswählen. Zuerst las ich Afterdark und anschließend Südlich der Grenze, westlich der Sonne; das ist eine Neuübersetzung von Gefährliche Geliebte. Beide Bücher sind mit je rund 200 Seiten recht schlank, sodass ich sie schnell gelesen hatte. Ich saß lesend im Café und im Shinkansen und lag abends auf unserem breiten Bett, lesend. Kein Fernseher konnte mich in Versuchung führen.

Als Souvenir habe ich mir die japanische Ausgabe von Afterdark gekauft – was gar nicht so einfach war, schließlich sind die Bücher in japanischen Buchläden nicht nach dem lateinischen Alphabet sortiert.

Ich brauchte Nachschub. Also stand ich bei Tower Records vor den Bücherregalen und stöberte im englischsprachigen Bereich nach anderen Murakamis. Ich entschloss mich schließlich für Hear The Wind Sing – Murakamis Debüt aus dem Jahr 1978. Doch mir fehlte dieser bestimmte Murakami-Sound, den vielleicht nur die Übersetzungen von Ursula Gräfe haben. Ich weiß nicht. Jedenfalls gefiel mit die englische Übersetzung überhaupt nicht, sie wirkte irgendwie recht flapsig. Vielleicht hatte Murakami seinen Sound zu jener Zeit auch noch nicht gefunden. (Den Text hatte er abends in seiner Küche geschrieben.)

Damit niemand sieht, was man liest, schlagen sie in Japan die Bücher in Papier ein.

Heute liegt das dünne Buch angelesen herum, mal neben meinem Bett, mal im Regal, mal in meiner Tasche. Manchmal lese ich ein paar Zeilen oder Seiten, komme aber nicht wirklich voran. Manche Dinge dürfen wohl unvollendet bleiben, und dazu wird wohl diese Lektüre gehören.