Der Dieb

Ein Samstag in der Innenstadt. Es ist nicht so voll, weil es noch nicht so spät ist. Ich kann in Ruhe stöbern. Vor dem Buchladen stehen die Sonderangebote, Restbestände und Exemplare mit Mängeln. Theoretisch kann man sich die billigen Bücher einfach in die Tasche stopfen und wegrennen. Oder lieber schlendern – das wäre nicht so auffällig. Auf einem der Stapel entdecke ich «Der Dieb» von Fuminori Nakamura. Der simple Titel und das Bild auf dem Cover haben mein Interesse geweckt, ich lese die erste Seite – und kaufe das Buch. Es kostet nur sieben Euro, ein Schnäppchen. Und ich habe Glück: Der Mängelexemplar-Stempel ist nur ganz klein, nur ein bisschen rote Farbe.

Um was geht’s?

Wie der Titel vermuten lässt, erzählt das Buch die Geschichte eines Taschendiebs. Er hat keinen Namen und erleichtert nur die Reichen, die durch Tokyos Straßen streifen oder in den überfüllten U-Bahn stehen (und Schülerinnen begaffen). Der Dieb versteht sein Handwerk, keiner merkt, wenn seine Langfinger nach dem Portemonnaie in der Mantelinnentasche fischen. Doch dann muss er mit seinem Kumpel einen Auftrag für die japanische Mafia ausführen. Die Yakuza. Es bleibt nicht der einzige Auftrag, den der Dieb erfüllen muss; es geht um Leben und Tod. Außerdem gibt es da noch diesen kleinen Jungen, der im Supermarkt das Klauen übt. Seine Mutter will das so. Beinahe erwischt ihn eine Kaufhausdetektivin. Doch der namenlose Dieb (der in der Ich-Form erzählt) hilft dem Jungen aus der Patsche. Er will ihm helfen, aber irgendwie auch nicht. Denn der Dieb ahnt wohl, dass er den Jungen in Gefahr bringt.

Spannend, schnörkellos, düster

Die Sprache ist nüchtern, da steht kein Wort zu viel. Es entsteht eine dichte Atmosphäre, die geprägt ist von Hoffnungslosigkeit und einer dumpfen Bedrohung. «Der Dieb» ist spannend, dunkel, böse. Von dem langweiligen Titel sollte man sich nicht abschrecken lassen. Das Buch war meine Straßenbahnlektüre, und ich war richtig erschrocken, als ich plötzlich die letzte Seite gelesen hatte. Ein kurzes Buch, wie gesagt: kein Wort zu viel. Ich empfehle es nicht nur jedem Japan-Liebhaber, sondern allen, die ein Faible für einsame Type, die Unterwelt und Taschendiebe haben.

«Der Dieb» von Fuminori Nakamura, aus dem Japanischen übersetzt von Thomas Eggenberg. Auf der Webseite von Diogenes gibt es eine Leseprobe. Am 28. Februar erschien mit «Die Maske» (Amazon-Werbelink) übrigens ein zweites Buch von Nakamura auf Deutsch.

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